Liebe kennt keine Altersgrenze

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«Man kann sich wieder verlieben!», sagt Lydia Zieri. Sie muss es wissen. Die 83-Jährige hat im Frühsommer Peter Neuhauser das Ja-Wort gegeben. Beide waren schon einmal glücklich verheiratet. Nun haben sie den Schritt ins Eheleben nochmals gewagt.

«Mit meinem ersten Mann habe ich viele schöne und erfüllte Jahre verbringen dürfen», blickt Lydia dankbar zurück. Sie war sich immer sicher: «Es kommt niemand anders mehr in mein Leben.» Mit einem neckischen Seitenblick zu Peter fügt sie an: «Und sowieso, ich wollte keinem anderen Mann mehr die Socken waschen.» Nach dem Tod ihres ersten Gatten hat sie das Lachen wieder gefunden. Peter hat ihr dabei geholfen. Auch er hat seine erste Liebe an Krebs verloren. Dadurch haben sich die zwei überhaupt erst kennengelernt. Als frisch trauernder Witwer fand der heute 86-jährige Peter im Gatten von Lydia einen einfühlsamen Zuhörer und bald einen guten Freund: «Wir hatten eine super Männerfreundschaft und ich schätzte unseren Austausch. Lydia hielt sich im Hintergrund.» Die Beziehung zu ihr vertiefte sich erst, als ihr Mann erkrankte und schon nach kurzer Zeit verstarb. Das war vor 16 Jahren.

Gemeinsam durch Frankreich

Peter und Lydia begannen, sich für Gespräche bei einer Tasse Kaffee zu treffen. Beide hatten ähnliches erlebt. Beiden tat Trost und Gesellschaft gut. Richtig «gefunkt» hat es dann auf einer gemeinsamen Tour durch Frankreich, wobei der Zufall seine Finger im Spiel hatte: Die Weinverkäuferin Lydia war von ihrem Arbeitgeber eingeladen worden, ein Weingut zu besuchen. Alleine und mit nur spärlichen Französischkenntnissen auf diese Reise zu gehen, traute sie sich aber nicht. Ihre Rettung war Peter. Er beherrscht die Sprache mühelos. Was nicht erstaunt, wenn man weiss, dass er ein Rückkehrer ist. Der gebürtige St.Galler war für zehn Jahre nach Frankreich ausgewandert, wo er und seine erste Frau auf vierzig Hektaren eine Schaffarm und Hundeschule für europaweit erfolgreiche Border Collies betrieben hatten. Lydia und Peter durften also eine wunderbare Fahrt erleben und dabei ihre Liebe zueinander entdecken.

Unbelastet vorwärts gehen

Schon recht bald danach zogen sie in einen gemeinsamen Haushalt. Die Stadt-St.Gallerin und der Rorschacher verlegten ihren Lebensmittelpunkt nach Gossau. «Ein Neuanfang an einem neutralen Ort war für uns richtig», sagt das glückliche Paar, das seit Juni nun auch ein Ehepaar ist. «Wir haben uns innerhalb von zwei Monaten nach dem Heiratsantrag vermählt», erzählen sie und Peter schmunzelt: «Ganz so beweglich wie einst bin ich nicht mehr. Auf die Knie bin ich deshalb nicht mehr gegangen.» Was sie ihm noch so gerne nachsah. Neben aller Romantik hat ein Trauschein auch praktische Gründe. So ist den beiden etwa eine gegenseitige rechtliche Absicherung wichtig. Aber auch, dass man als Ehepartner beispielsweise bei Besuchen im Spital einen besseren Status hat.

Einen Traum erlebt

Verwandte und Freunde hätten durchs Band positiv reagiert, als es hiess: «Wir trauen uns». Das gab Rückenwind. «Wir erlebten eine Märchenhochzeit», schwelgen Lydia und Peter in Erinnerungen: «Es kamen Überraschungen, die uns sehr gefreut haben. Die Kinder und Schwiegerkinder haben alles für uns gemacht und organisiert.» In der Kirche feierten die beiden schon eine Woche vor dem eigentlichen Trautermin. Bei einem Gottesdienst zur Ehegelübde-Erneuerung gestaltete der Gossauer Pfarrer die Messe wie eine «richtige» Hochzeit. Die zivile Heirat wurde mit über hundert Personen gefeiert. Zuerst beim Apéro im Schloss Oberberg und abends im Haus zur Stickerei in Heiden. Alle acht Kinder und 16 Grosskinder feierten mit. Nur von den vier Urgrosskindern konnte nicht jedes dabei sein. Das Brautpaar schwärmt: «Es war fantastisch. Uns war einfach wohl. Wir würden es wieder tun, es war so schön».

Blickwinkel verändern sich

Lydia wagt einen Vergleich mit ihrer Hochzeit in jungen Jahren: «Auch damals war es eine Märchenhochzeit. Sie dauerte allerdings zwei Tage und wir zogen erst danach zusammen.» Lachend fügt sie an: «Seinerzeit wurde ich über die Schwelle getragen.» Solche Erinnerungen kann Peter nicht teilen: «Meine erste Hochzeit – nicht aber die Ehe! – war eine reine Katastrophe. Schon bei der Planung war der Wurm drin und auch mit dem Restaurant hatten wir Pech. Es war nur eine kleine Gesellschaft zugegen und meine damalige Frau war schwanger. Unsere Prioritäten lagen also nicht auf der Feier.» Mit 86 Jahren durfte er endlich einen Kontrast erleben: «Die zweite Eheschliessung war für mich ein Genuss». Die Perspektive sei allerdings eine völlig andere, gibt er zu bedenken: «Als junger Mensch hast du dein Leben vor dir. Das ist heute nicht mehr so. Das füreinander Dasein hat sich verändert. Es ist vielleicht sogar intensiver, da man eher auf Hilfe angewiesen ist.» Eine Erkenntnis, die auch Lydia teilt: «Damals freute man sich auf eigene Kinder, heute ist man dafür völlig ungebunden.» Treffend bringt sie es auf einen Nenner: «Die Freude, die Ehe einzugehen war genau gleich. Die Lebensziele waren aber anders.» Nun wünschen sie sich, noch lange den Weg Seite an Seite gehen zu dürfen: «Am liebsten, bis wir hundert werden. Wir könnten uns ein Leben ohne einander nicht mehr vorstellen.»

Matthias Bruelisauer

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