Um es gleich vorwegzunehmen: Wir Menschen sind sexuelle Wesen von Geburt bis zum Tod. Das Erleben, Gestalten, Bewerten von Sexualität ist jedoch, unabhängig vom Alter, sehr individuell.
Unsere Sexualität ist immer geprägt von unserer Biografie, von gesellschaftlichen Aspekten, von Werten und Normen, von Gesundheit und Krankheit und davon, welche vorherrschenden Altersbilder in einer Gesellschaft bestehen.
In Bezug auf die Sexualität älterer Menschen hält sich hartnäckig die Vorstellung, dass Lust und Erotik eher in den Hintergrund treten und Jüngeren vorbehalten ist. In ihrer Praxis in Gais stellt die Sexualberaterin Prisca Walliser jedoch fest, dass das Thema «keine Lust auf Lust» an kein Alter gebunden ist. Viele ältere Menschen holen sich bei ihr Rat, weil sie es bedauern, dass ihre sexuellen Möglichkeiten weniger werden, weil Krankheit und körperliche Veränderungen eine Anpassung der sexuellen Begegnung erfordern.
Qualität vor Quantität
Die körperlichen Veränderungen können sehr beeinflussend sein für das Erleben und Gestalten von Sexualität. Nicht selten herrscht Befangenheit durch das Erleben des Alterungsprozesses. Der Körper verliert an Spannkraft, die Sexualhormone sinken, die Vagina wird trockener, der Erektionsprozess verändert sich. Für viele Menschen stehen deshalb Zärtlichkeit, Nähe und Intimität im Vordergrund. «Orgasmuse» versus «Orgas-müssen», Qualität vor Quantität. Sexualität ist mehr als Genitalität und hat ganz unterschiedliche Ausdruckformen. Manchmal treten Menschen den sexuellen Rückzug an. Sie vermeiden sexuelle Begegnungen, oft aus Scham, dem Gefühl des nicht Genügens oder als Schutz vor Enttäuschung. In der Sexualberatung versucht Prisca Walliser Zusammenhänge aufzuzeigen, die individuellen Bedürfnisse sichtbar zu machen und anzuregen, neue körperlich/seelische «Entwicklungsräume» zu erforschen.
Sexualität kann Stress sein
Es gibt ältere Menschen, die nehmen Abschied von der Sexualität, ohne Wehmut, als freie Entscheidung und sie erleben diese Entscheidung vielleicht als Befreiung. Sexualität kann nährend sein für die Beziehung, aber auch das Gegenteil: Anlass zu Frustration, Leistungsdruck und Stress.
Alleinstehende Menschen vermissen oft die Möglichkeit, einem Gegenüber körperlich begegnen zu können um Nähe, Zärtlichkeit und intime Kommunikation zu erfahren. Gerade dann, wenn Intimität und Sexualität in der Partnerschaft als positiv und verbindend erlebt wurden. Auch Menschen die in Institutionen leben, geben ihre Sexualität nicht an der Eingangstüre ab. Da gestaltet sich die körperliche Selbstbestimmung nochmals anspruchsvoller für alle Seiten.
Nicht am Defizit orientieren
Eine erfüllende Sexualität ist keine Frage des Lebensalters. Aber zweifelsohne wird die Sexualität im Alter nicht einfacher. Es gilt, sich nicht von negativen gesellschaftlichen Wertmassstäben entmutigen zu lassen. Sexualität im Alter braucht besondere Pflege und den Mut, sich nicht am Defizit zu orientieren, sondern am Möglichen. «Und vielleicht würde es auch helfen einen etwas ‹gnädigeren› Umgang mit uns und unserer Sexualität zu pflegen. Ich plädiere für ein erweitertes Verständnis von Sexualität. Und dies für alle Altersgruppen, nicht nur für uns ‹Alten›», sagt Prisca Walliser. Folgendes Zitat des Autors Michael Frank bringt es auf den Punkt: «Lebenserfahrung, Weisheit, das Kennen der eigenen Bedürfnisse und Beschränkungen, bieten älteren Menschen die Chance einer sexuellen Begegnung, von denen Jugendliche nur träumen können.»