Dem Holz Leben einhauchen

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Es begann als winterlicher Zeitvertrieb: Bauern fertigten Holzspielzeug oder Szenen für Chlausenhauben. Heute sind Appenzeller Schnitzereien beliebte Sammelstücke.

Man sagt Markus Koller nach, er sei in die Fussstapfen seines Schwiegervaters Hans Haas getreten. Was für ein Kompliment! Denn Haas galt schon zu Lebzeiten als Grossmeister unter den Chüelischnitzern. So wird die Senntumsschnitzerei der Appenzeller und Toggenburger genannt, die das Bundesamt für Kultur unter den lebendigen Traditionen der Schweiz listet. Ihre Anfänge reichen in das Ende des 19. Jahrhunderts zurück. Als winterlicher Zeitvertrieb wurden Szenen aus dem bäuerlichen Alltag, allen voran die Alpfahrt, geschnitzt. Vorerst als Kinderspielzeug. Nach und nach verfeinerte sich die Handwerkskunst und es entstanden begehrte Sammelstücke.

Gleich zweimal verliebt

Doch nun zurück zu Markus Koller: Dieser verliebte sich also nicht nur in die Tochter von Hans Haas, sondern auch in dessen Kunst. Gerne wurde der Schwiegersohn unter die Fittiche genommen und in die Tricks und Kniffe beim Schnitzen eingeführt. So wundert es auch nicht, dass Kollers Stil eng an jenen von Haas angelehnt ist. Der renommierte Künstler und Schnitzlehrer habe ihm empfohlen, als erstes Projekt eine Miniaturkuh herzustellen, erinnert sich Koller gerne und lacht: «Den guten Rat habe ich aber nicht befolgt und stattdessen einen Bläss geschnitzt. Darauf hatte ich mehr Lust.» Er zeigte Talent. Denn auch für den Laien ist leicht nachvollziehbar, dass ein feingliedriger Hund wesentlich schwieriger auszuarbeiten ist, als eine Kuh. Noch immer hält der Herisauer sein Erstprojekt aus dem Jahr 1984 in Ehren, es sei unverkäuflich.

Das Original als Richtschnur

Wichtig ist Koller, dass die Nachbildungen möglichst detailreich und naturgetreu werden. Damit das gelingt, ist schon die Auswahl des Holzes entscheidend. Für die Figuren verwendet er Linde. «Es ist hell, weich und bricht nicht so schnell», weiss der 61-Jährige und fährt fort: «Bei Gegenständen, etwa einem Lediwagen, orientiere ich mich am Original. Für die Weissküfereien arbeite ich mit Ahorn, das Fahrgestell entsteht aus Fichte.» Wichtig ist, dass das Holz gut gelagert, also trocken ist, und keine Risse hat. Man würde erwarten, dass Koller astreines Rohmaterial benötigt, doch er winkt ab: «Äste stören mich nicht, die gehören dazu und ich baue sie gerne ins Sujet ein – meist hat es im Lindenholz ohnehin nur dünne Ästchen.»

Vom Klotz zum Körper

Hat er einen passenden Klotz für eine Figur gefunden, wird mit einer Schablone der Umriss eingezeichnet. «Schablonen für einen Alpaufzug, Bloch oder Silvesterchläuse gibt es nicht zu kaufen. Die Vorlagen wollen also erst einmal gemacht werden», erklärt er und gesteht mit einem Schmunzeln: «Ich kann wesentlich besser schnitzen als zeichnen.» Danach geht es ans Aussägen des Rohlings. «Es empfiehlt sich, die Holzfasern stehend zu nehmen», gibt Koller einen guten Tipp. Das erleichtert die Arbeit, da entlang der Maserung einfacher gearbeitet werden kann und die Beine weniger abzubrechen drohen. «Und anschliessend schnitze ich Stück für Stück vom Groben ins Feine. Das Gesicht kommt meist zum Schluss.» Der Einsatz von Elektrogeräten, etwa eines Feinschleifers, ist dabei kein Tabu. «Ich habe nicht den Anspruch, alles mit dem Sackmesser zu machen», sagt Koller und fügt an: «Die Figur muss einfach schön werden.»

Auf die Klinge kommts an

Handarbeit ist ohnehin jeder Schritt und der Grossteil bleibt mit einem Messer zu bewerkstelligen. Dass es sich hierbei nicht um das erwähnte Sackmesser handelt, ist selbstredend. Ein umfangreiches Sortiment an kleinen Schneidwerkzeugen liegt griffbereit auf der Werkbank. Nur ein Teil davon ist Stangenware. Die meistbenutzten Gerätschaften sind Sonderanfertigungen, die Koller auf seine Bedürfnisse massgeschneidert selbst herstellt. Da kommt ihm sein erlernter Beruf als Werkzeugmacher zugute. «Beispielsweise Feilen werden aus hochwertigem Werkzeugstahl gefertigt. Eine kaputte Feile lässt sich also in eine hervorragende Klinge umfunktionieren», so Koller, der ergänzt: «Wer sich mit einem Armeesackmesser an einer filigranen Schnitzerei versucht, wird sich wohl die Zähne daran ausbeissen. Das Werkzeug ist qualitativ zwar top, aber zu unhandlich.»

Auch dem Schnitzer unterlaufen Schnitzer

Trotz individuell angepassten Messern ist auch Koller nicht vor groben Schnitzern gefeit. Da kann es schon vorkommen, dass eine Figur unbeabsichtigt Gliedmassen verliert. «Doch man kann lange flicken und retuschieren», sagt der erfahrene Künstler, der sich aber lieber als Handwerker bezeichnet. Missgeschicke nimmt er mit Humor: «Meist landen nur Späne im Cheminée, ganz selten eine Figur.» Den Spass an der Freizeitbeschäftigung nicht zu verlieren, ist ihm wichtig. Darum soll das Schnitzen auch ein Hobby bleiben. «Ich will nicht müssen», betont er: «Ich schnitze, wenn ich Lust darauf habe. Manchmal den ganzen Tag lang bis in die späten Abendstunden. Manchmal tagelang nicht. Wenn es mir läuft, bleibe ich dran. Wenn nicht, lege ich das Stück beiseite.» Und schliesslich sagt er mit einem Lachen: «Ein weiterer Grund aufzuhören ist, wenn ich mir in einen Finger geschnitten habe.»

Es muss nicht nur traditionell sein

Abgabetermine muss er meist nur für Schnitzereien auf Chlausenhauben oder bei besonderen Kundenaufträgen wie Tischdekorationen einhalten. Überhaupt ist seine Bandbreite an Schnitzerarbeiten riesig. Koller ist offen für alles. Neben traditionellen Sujets wie Alpaufzüge, Chlausenhauben oder Krippenfiguren schnitzte er auf Wunsch auch schon Sternzeichen: «Es gibt fast keine Grenzen und Abwechslung ist spannend.» Er könnte sich durchaus vorstellen, auch einmal einen Zoo mit Elefanten und Co. aus Holzklötzchen herauszuschälen. Am gefragtesten werden aber wohl seine Silvesterchläuse bleiben, ist Koller überzeugt.

Zeitraubender letzter Schliff

Wie lange seine geschickten Hände an einer Miniatur zugange sind, kann er übrigens nicht präzise beantworten: «Ich schaue nicht auf die Uhr und arbeite meist an mehreren Figuren parallel», erklärt der bekannte Chüelischnitzer. Was er aber verraten kann: Eine Ziege ist wesentlich einfacher herzustellen als ein Senn mit gelben Hosen. «Von allen Figuren im Alpaufzug gibt der detailreiche Gelbhosensenn am meisten zu tun – wegen dem aufwändigen Bemalen. Das Auftragen der Farbe wird allgemein wohl unterschätzt, denn es macht fast die Hälfte der Arbeit aus», weiss Koller. Auch die Pinselstriche trägt er eigenhändig auf, aber gesteht: «Wenn ich in der Not bin, hilft mir meine Frau.» Die grosse Mühe hat ihren Preis. Wer sich einen kompletten Satz Figuren für einen Alpaufzug gönnen will, muss mit mehreren Tausend Franken rechnen.

Zu schade fürs Kinderzimmer

Da bleibt eine Frage zu klären: Sind die bis zu 15 Zentimeter grossen Objekte heute noch Kinderspielzeug? Denn als solches wurden sie ursprünglich ja gemacht. Man denke nur an die abstrakten «Bechüe», die im Appenzellerland und Toggenburg zu finden sind. Aus diesen Vorläufern, die nur aus einem dünnen Stamm mit Astverzweigungen bestehen, welche Vorderbeine und Hörner vereinfacht darstellen, entwickelte sich die Kunst der Chüelischnitzerei. Koller sagt dazu: «Wer eine Figur kauft, darf damit machen, was er will. Zum Spielen sind sie allerdings nicht gedacht.» Wer es trotzdem tut, sei beruhigt: Reparieren lassen sich die fein gearbeiteten Holzobjekte lange. Der Schnitzer empfiehlt jedoch: «Wenn man vorab schon weiss, dass es Spielzeug werden soll, dann können die Teile robuster, sprich gröber, hergestellt werden.» Das ist allein schon ein Schutz gegen das Verschlucken von allenfalls abgebrochenen Teilen.

Lebendige Tradition

Dass es irgendwann keine neuen Senntumsschnitzereien mehr gibt, befürchtet Koller nicht: «Die Appenzeller Traditionen befruchten einander. Sie spielen eine Brücke, um Leute zusammenzubringen. Vereinfacht lässt sich sagen, solange es Silvesterchläuse gibt, gibt es Chüelischnitzer.» Wer mehr über den Chüelischnitzer Markus Koller erfahren möchte, findet ihn an der Degersheimerstrasse 66 in Herisau.

Matthias Bruelisauer

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